Frank Brauer auf den Spuren seiner Großeltern
Wetzlar. Der 60-jährige Frank Brauer aus Wetzlar hat vor 33 Jahren eine Reise auf den Spuren seiner Großeltern unternommen. Gemeinsam mit seiner Schwester Andrea suchte er nach Zeitzeugen und nach dem einstigen Wohnhaus der Familie in Ostpreußen. Darüber berichtete Brauer jetzt bei der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen, Kreisgruppe Wetzlar. Der Vorsitzende Kuno Kutz konnte 26 Besucher begrüßen, die den Ausführungen des Referenten mit großem Interesse folgten. Mit Bildern über den Beamer nahm Brauer seine Zuhörer mit auf eine Reise, die ihn nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges erstmals nach Osteuropa führte.
Sein 1902 geborener Großvater lebte noch. „Wir hatten nur ein altes schwarz-weißes Foto vom Elternhaus“, berichtete Brauer, der in Pasłęk, dem früheren Preußisch Holland, auf Spurensuche ging. In der 18.000 Einwohner zählenden Stadt ließ er das Autofenster hinunter und fragte eine junge Frau, ob sie wisse, wo das Haus stehe. Die junge Frau meinte, ihre Mutter könne den beiden Deutschen weiterhelfen. Es stellte sich heraus, dass die Mutter eine frühere Nachbarin des Großvaters gewesen war. Mit beiden Frauen im Auto fuhren sie zu dem Haus. Die Bewohner, ein Ehepaar, ließen sie ein. Während die Frau ihnen wohlgesonnen war, reagierte der Mann zunächst reserviert, da er befürchtete, die Deutschen könnten Ansprüche geltend machen. Gegen Ende des Besuches konnte dieses Missverständnis jedoch ausgeräumt werden.
Brauer ist dankbar, dass er das Wohnhaus sehen konnte, in dem seine Mutter aufgewachsen ist. Sein Vater stammte aus Gumbinnen. Von der Frau, die ihn zu dem Haus geführt hatte, erhielt er ein Glas Marmelade für seinen Großvater.
Die mehr als 1.000 Kilometer lange Strecke legte Brauer mit dem eigenen Auto zurück. Erster Stopp war Berlin. Damals gab es noch keine Fußgängerzone am Brandenburger Tor. Gerne wäre er einmal vom einstigen Westen in den Osten hindurchgefahren, doch Polizeiposten hinderten ihn daran.
Die nächste Station war die Hafenstadt Stettin in Polen. Von dort aus unternahmen die Geschwister einen Ausflug nach Kolberg an die Ostseeküste und nach Ustka, das frühere Stolpmünde. An eine lustige Begebenheit kann sich Brauer noch gut erinnern: Er hatte reichlich Licher Bier und Kaffee mitgenommen. Statt Parkgebühren überreichte er dem Parkwächter eine Dose Bier; dieser war überglücklich und versicherte, dass er die Dose am Abend im Kreis seiner Familie öffnen werde.
Weitere Station war die Stadt Danzig. Dort bestiegen die beiden den Turm der bekannten Marienkirche. Am zweiten Tag in Danzig fuhr Brauer auf die Frische Nehrung. „Wir fuhren, so weit es ging.“ An der russischen Grenze musste der Mittelhesse umkehren.
Der Referent zeigte einen weißen Bierkrug, der eine besondere Geschichte hat. Der Krug stammt aus einem Hotel in der Danziger Altstadt. Brauer erzählte, er habe so lange auf den Kellner eingeredet, bis dieser ihm den Bierkrug schließlich schenkte.
Von Danzig ging es mit dem Auto nach Elbing im ehemaligen Westpreußen. Dort fuhren die beiden Deutschen mit einem Schiff auf dem Oberländischen Kanal, der auf besondere Weise einen Höhenunterschied von rund 100 Metern überwindet: Auf sogenannten Rollbergen werden die Schiffe auf Wagen über Schienen an Land transportiert. Der Großvater hatte Grundstücke in der Nähe des Kanals besessen. Einst waren die Schiffe an seinem Land vorbeigeschippert, doch die Familie musste ihren Grund und Boden abgeben.
Die Reise der beiden Hessen führte anschließend noch rund 200 Kilometer weiter nach Osten bis nach Lötzen an die Masurische Seenplatte. Dort sind noch die Reste des Führerhauptquartiers „Wolfsschanze“ bei Rastenburg zu sehen. Die Fahrt führte weiter bis nach Nikolaiken, benannt nach dem Kirchenpatron Sankt Nikolaus, dem Schutzpatron der Fischer. Auch ein Ausflug zum Spirdingsee, Polens größtem See, war noch möglich, bevor die Rückreise über Stettin erfolgte.
Bei den Zuhörern weckten die Schilderungen viele eigene Erinnerungen an Reisen in die alte Heimat.
Das nächste Treffen der Landsmannschaft findet am Dienstag, 24. Februar, um 11.15 Uhr in der Gaststätte „Taverna Bodenfeld“ bei den Tennisplätzen (Bodenfeld 1) statt. Dann wird Wolfgang Post zum Thema „80 Jahre Gustloff-Tragödie und Schlochau/Westpreußen“ sprechen.
Bild und Text: Lothar Rühl
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